Ich habe in
meinem Leben schon viele Adventskalender bekommen, doch keiner wird je solche
Gefühle in mir wecken wie diese kleine Karte von Nina, auf der ein
Adventkalender aufgedruckt war.
Sie hatte
ihn mit einige Tage zuvor dagelassen um mich aufzuheitern – am 1. Advent lag
ich nämlich bereits seit fast vier Wochen mit drohender Frühgeburt im Spital,
erst im KH Zams und danach im LKH Feldkirch – 109 km entfernt von zu Hause. 109
km entfernt von meinem Mann Andreas und meiner zweieinhalbjährigen Tochter
Leia. Die Entfernung kannte ich gut, weil ich sie fast dreieinhalb Jahre im
Turnus täglich gependelt bin und auch auf der Gynäkologischen Station fünf
Jahre zuvor als Assistentin gearbeitet hatte.
So lautete
mein Tagebucheintrag vom 1. Dezember 2014, 65 Tage (2 Monate) vor dem geplanten
Geburtstermin:
Der 1.
Dezember – 1.Tür vom Adventkalender auf. Beinahe 4 Wochen im Spital. Manchmal
rechne ich herum, damit ich den Sinn in Zahlen fassen kann und die längsten
Stunden auch was bringen.
Für mich
war dieser Advent eine Zeit des Hoffen und Bangens, jeder Tag, jedes Türchen
dass ich öffnen konnte war ein Zeichen, dass Elias wieder einen Tag in meinem
Bauch geschafft hatte und ein schadenfreies Überleben für ihn immer
wahrscheinlicher wurde.
Jeder Tag
war ein Geschenk. Jeder einzelne und in meinen Gedanken und meinem Hoffen dann
der Heiligabend zu Hause mit Elias hoffentlich in meinem Bauch.
In dieser
Zeit hatte ich mehrere Zimmerkolleginnen, mit Glück, weil die drohende
Fehlgeburt abgewendet werden konnte oder so wie ich jeden Tag wartend, dass die
Zeit vergeht. Dass es endlich Weihnachten wird und die Kinder „aus der
kritischen Zeit“ heraus sind.
Als ich am 15.12. wieder zurück nach Tirol konnte, weil
keine Neonatologische Intensivüberwachung mehr bei einer Frühgeburt nötig gewesen
wäre, war schon ein kleines Fest für mich. Endlich wieder in der Nähe meiner
Lieben und schon so viele Türchen offen – mehr als die Hälfte, zwei volle
Wochen!
Am 19.
Dezember durfte ich nach Hause – das Geburtstagsgeschenk für Andreas und
endlich wieder Kuscheln mit Mama für Leia, die mich zu diesem Zeitpunkt fast sieben
Wochen entbehrt hatte.
Dann hatte
ich am Abend des 21. Dezember den Blasensprung, einerseits war ich erleichtert,
dass die Warterei und das Herumliegen müssen nun ein Ende haben würde,
andererseits hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es ja noch viel zu früh
war. Nicht mal bis Weihnachten hatte ich es geschafft! Und in dem Moment wäre
ein Christkind und Weihnachten im Spital für mich auch ok gewesen, weil das
weitere 3 Tage mehr im Bauch bedeutet hätte.
Weil sich
keine „richtigen“ Wehen einstellten wurde mir dann am 22.12. um 10 Uhr
Vormittags der Wehentropf angehängt. Bei Leia hatte der fast drei Jahre zuvor
irgendwann nichts mehr gebracht - wir hatten eine Vakuumgeburt bei
Wehenschwäche - daher hatte ich mich innerlich schon auf eine
Kaiserschnittentbindung am 23.12. eingestellt, als nach fast fünf Stunden noch
immer nichts passiert war.
Elias kam
dann binnen 35 Minuten mit sieben oder acht Wehen zur Welt. Er war so klein,
aber auch schon so angepisst und laut schreiend, dass ich wusste, der packt das.
Hat er auch.
Nur ich
nicht.
Ich wäre am
22.12.2014 fast gestorben.
Ich lebe,
weil meine Zammer Kollegen, Pfleger, Medizinisches Fachpersonal und
Rettungsmitarbeiter, die Blutkonserven von Innsbruck gebracht haben, mich vor
dem Verbluten gerettet haben.
Zwei
Operationen und 6 Blutkonserven später bin ich auf der Intensivstation
aufgewacht.
Der Blick
meines Gynäkologen war zum Glück nur kritisch, aber nicht panisch, was mich
beruhigt hat, da er um den Ernst der Lage wusste, aber die Sache unter
Kontrolle hatte.
Das letzte,
was ich durch meine Brille klar gesehen habe, war der Blick von Andreas, der
mich nun zum zweiten Mal auf dem Weg zu einer Notoperation sterben sah. Bis zur
Operation war alles gnädig in Nebel gehüllt, weil ich ohne Brille fast blind
war. Durch den massiven Blutverlust habe ich kurz vor der Narkose noch Atemnot
bekommen, aber da es durch den Blutverlust und nicht durch fehlenden Sauerstoff
aus der Beatmungsmaske verursacht war („Da kommen 18 Liter Sauerstoff raus.“),
habe ich dann ruhig geatmet und gedacht, dass wohl eh gleich Konserven durch
einen der vielen Schläuche gegeben werden. In der
ganzen Zeit hatte ich nie das Gefühl, dass ich es nicht schaffen würde. Katjas
Talisman hat mich beschützt (der wurde mir zerschnitten 4 Tage später
zurückgegeben), alles ist perfekt gelaufen.
Die Türchen
vom 22., 23. und 24. Dezember wurden nie geöffnet.
Ich habe in
dieser Zeit einige von Euch kennen gelernt, die nicht so viel Glück hatten, die
keinen „Adventkalender“ bis zur Tür 22, bis nach 34 Schwangerschaftswochen
geschafft haben. Meine Gedanken sind oft bei Euch und Euren Kindern und ich freue
mich immer, dass es alle den Umständen entsprechend gut überstanden haben!
In diesem Advent
2014, der so gar nichts mit einem normalen Advent zu tun hatte, hatte ich viel
Zeit um mich zu besinnen, was wichtig ist. Auch auf der Intensivstation. Alles
hat sich umgekehrt und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man froh ist,
von jemandem Fremden gewaschen zu werden, weil man nicht die Kraft hat, die
Hand zu heben.
Ich habe
Dankbarkeit gelernt, ebenso Menschen Zuversicht zu geben, wenn sie an langen
Minuten des Wartens verzweifelt sind. Aber auch ich hatte Freunde und Familie,
die in den dunklen Stunden zu uns gestanden sind, mich trotz der weiten
Entfernung besucht haben und Trost gespendet haben und nicht selbst getröstet
werden mussten.
Auch das
habe ich gelernt: wenn es mir schlecht geht, brauche ich kein Mitleid von Menschen,
die ich aufrichten muss, weil sie mein Leid als schier unerträglich sahen und
selbst guten Zuspruch brauchen anstatt ihn mir zu geben. Dass soll nicht
heißen, dass ich „Alles wird gut!“ hören will, weil genau das oft nicht sicher
ist. Es reicht ein: „Ich bin da. Andere sind da. Es wird von uns alles Mögliche
versucht um Deine Situation zu verbessern.“
Die Welt
werde ich vielleicht nicht verändern, aber ich habe mich geändert, wurde
stärker in dieser Erfahrung. Als Mensch und als Ärztin. Ich habe viel Leid gesehen
und erlebt, bin aber nicht daran zerbrochen, dafür danke ich jeden Tag.
So wie ich
half, anderen das Leben zu retten, wurde ich gerettet.
Und wenn
meine Zeit kommt, hoffe ich, dass mir in der Not Menschen zur Seite stehen, die
mich aufrichtig begleiten und mir Angst und Schmerzen nehmen, soweit sie es
können - so wie ich es immer wieder in meiner Arbeit und in meinem Umfeld
versuche.
Für Euch
alle, die das hier lesen wünsche ich mir, dass die Angst und das Bösen in der
Welt Euch nicht verschlossen machen für die täglichen Wunder und das Schöne,
das jeder vollbringen kann!
Ich darf
leben, diesen Advent erleben, kann inzwischen ohne Brille scharf sehen und freue mich auf jeden einzelnen Tag!
Anna
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