Sunday, November 29, 2015

Der Adventskalender



Ich habe in meinem Leben schon viele Adventskalender bekommen, doch keiner wird je solche Gefühle in mir wecken wie diese kleine Karte von Nina, auf der ein Adventkalender aufgedruckt war.
Sie hatte ihn mit einige Tage zuvor dagelassen um mich aufzuheitern – am 1. Advent lag ich nämlich bereits seit fast vier Wochen mit drohender Frühgeburt im Spital, erst im KH Zams und danach im LKH Feldkirch – 109 km entfernt von zu Hause. 109 km entfernt von meinem Mann Andreas und meiner zweieinhalbjährigen Tochter Leia. Die Entfernung kannte ich gut, weil ich sie fast dreieinhalb Jahre im Turnus täglich gependelt bin und auch auf der Gynäkologischen Station fünf Jahre zuvor als Assistentin gearbeitet hatte.

So lautete mein Tagebucheintrag vom 1. Dezember 2014, 65 Tage (2 Monate) vor dem geplanten Geburtstermin:
Der 1. Dezember – 1.Tür vom Adventkalender auf. Beinahe 4 Wochen im Spital. Manchmal rechne ich herum, damit ich den Sinn in Zahlen fassen kann und die längsten Stunden auch was bringen.

Für mich war dieser Advent eine Zeit des Hoffen und Bangens, jeder Tag, jedes Türchen dass ich öffnen konnte war ein Zeichen, dass Elias wieder einen Tag in meinem Bauch geschafft hatte und ein schadenfreies Überleben für ihn immer wahrscheinlicher wurde.
Jeder Tag war ein Geschenk. Jeder einzelne und in meinen Gedanken und meinem Hoffen dann der Heiligabend zu Hause mit Elias hoffentlich in meinem Bauch.
In dieser Zeit hatte ich mehrere Zimmerkolleginnen, mit Glück, weil die drohende Fehlgeburt abgewendet werden konnte oder so wie ich jeden Tag wartend, dass die Zeit vergeht. Dass es endlich Weihnachten wird und die Kinder „aus der kritischen Zeit“ heraus sind.

Als ich  am 15.12. wieder zurück nach Tirol konnte, weil keine Neonatologische Intensivüberwachung mehr bei einer Frühgeburt nötig gewesen wäre, war schon ein kleines Fest für mich. Endlich wieder in der Nähe meiner Lieben und schon so viele Türchen offen – mehr als die Hälfte, zwei volle Wochen!
Am 19. Dezember durfte ich nach Hause – das Geburtstagsgeschenk für Andreas und endlich wieder Kuscheln mit Mama für Leia, die mich zu diesem Zeitpunkt fast sieben Wochen entbehrt hatte.

Dann hatte ich am Abend des 21. Dezember den Blasensprung, einerseits war ich erleichtert, dass die Warterei und das Herumliegen müssen nun ein Ende haben würde, andererseits hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es ja noch viel zu früh war. Nicht mal bis Weihnachten hatte ich es geschafft! Und in dem Moment wäre ein Christkind und Weihnachten im Spital für mich auch ok gewesen, weil das weitere 3 Tage mehr im Bauch bedeutet hätte.
Weil sich keine „richtigen“ Wehen einstellten wurde mir dann am 22.12. um 10 Uhr Vormittags der Wehentropf angehängt. Bei Leia hatte der fast drei Jahre zuvor irgendwann nichts mehr gebracht - wir hatten eine Vakuumgeburt bei Wehenschwäche - daher hatte ich mich innerlich schon auf eine Kaiserschnittentbindung am 23.12. eingestellt, als nach fast fünf Stunden noch immer nichts passiert war.

Elias kam dann binnen 35 Minuten mit sieben oder acht Wehen zur Welt. Er war so klein, aber auch schon so angepisst und laut schreiend, dass ich wusste, der packt das. Hat er auch. 

Nur ich nicht.

Ich wäre am 22.12.2014 fast gestorben.

Ich lebe, weil meine Zammer Kollegen, Pfleger, Medizinisches Fachpersonal und Rettungsmitarbeiter, die Blutkonserven von Innsbruck gebracht haben, mich vor dem Verbluten gerettet haben.
Zwei Operationen und 6 Blutkonserven später bin ich auf der Intensivstation aufgewacht.

Der Blick meines Gynäkologen war zum Glück nur kritisch, aber nicht panisch, was mich beruhigt hat, da er um den Ernst der Lage wusste, aber die Sache unter Kontrolle hatte.
Das letzte, was ich durch meine Brille klar gesehen habe, war der Blick von Andreas, der mich nun zum zweiten Mal auf dem Weg zu einer Notoperation sterben sah. Bis zur Operation war alles gnädig in Nebel gehüllt, weil ich ohne Brille fast blind war. Durch den massiven Blutverlust habe ich kurz vor der Narkose noch Atemnot bekommen, aber da es durch den Blutverlust und nicht durch fehlenden Sauerstoff aus der Beatmungsmaske verursacht war („Da kommen 18 Liter Sauerstoff raus.“), habe ich dann ruhig geatmet und gedacht, dass wohl eh gleich Konserven durch einen der vielen Schläuche gegeben werden. In der ganzen Zeit hatte ich nie das Gefühl, dass ich es nicht schaffen würde. Katjas Talisman hat mich beschützt (der wurde mir zerschnitten 4 Tage später zurückgegeben), alles ist perfekt gelaufen.

Die Türchen vom 22., 23. und 24. Dezember wurden nie geöffnet.




Ich habe in dieser Zeit einige von Euch kennen gelernt, die nicht so viel Glück hatten, die keinen „Adventkalender“ bis zur Tür 22, bis nach 34 Schwangerschaftswochen geschafft haben. Meine Gedanken sind oft bei Euch und Euren Kindern und ich freue mich immer, dass es alle den Umständen entsprechend gut überstanden haben!

In diesem Advent 2014, der so gar nichts mit einem normalen Advent zu tun hatte, hatte ich viel Zeit um mich zu besinnen, was wichtig ist. Auch auf der Intensivstation. Alles hat sich umgekehrt und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man froh ist, von jemandem Fremden gewaschen zu werden, weil man nicht die Kraft hat, die Hand zu heben.

Ich habe Dankbarkeit gelernt, ebenso Menschen Zuversicht zu geben, wenn sie an langen Minuten des Wartens verzweifelt sind. Aber auch ich hatte Freunde und Familie, die in den dunklen Stunden zu uns gestanden sind, mich trotz der weiten Entfernung besucht haben und Trost gespendet haben und nicht selbst getröstet werden mussten.

Auch das habe ich gelernt: wenn es mir schlecht geht, brauche ich kein Mitleid von Menschen, die ich aufrichten muss, weil sie mein Leid als schier unerträglich sahen und selbst guten Zuspruch brauchen anstatt ihn mir zu geben. Dass soll nicht heißen, dass ich „Alles wird gut!“ hören will, weil genau das oft nicht sicher ist. Es reicht ein: „Ich bin da. Andere sind da. Es wird von uns alles Mögliche versucht um Deine Situation zu verbessern.“

Die Welt werde ich vielleicht nicht verändern, aber ich habe mich geändert, wurde stärker in dieser Erfahrung. Als Mensch und als Ärztin. Ich habe viel Leid gesehen und erlebt, bin aber nicht daran zerbrochen, dafür danke ich jeden Tag.
So wie ich half, anderen das Leben zu retten, wurde ich gerettet.
Und wenn meine Zeit kommt, hoffe ich, dass mir in der Not Menschen zur Seite stehen, die mich aufrichtig begleiten und mir Angst und Schmerzen nehmen, soweit sie es können - so wie ich es immer wieder in meiner Arbeit und in meinem Umfeld versuche.

Für Euch alle, die das hier lesen wünsche ich mir, dass die Angst und das Bösen in der Welt Euch nicht verschlossen machen für die täglichen Wunder und das Schöne, das jeder vollbringen kann!

Ich darf leben, diesen Advent erleben, kann inzwischen ohne Brille scharf sehen und freue mich auf jeden einzelnen Tag!

Anna

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