Monday, April 11, 2016

Wir recyclen unser Haus




Eigentlich ist der korrekte neudeutsche Ausdruck ja "upcyclen" – wir nehmen bestehendes Altes und machen etwas Schönes und Neues daraus. Früher hätte man "renovieren" gesagt, oder schnöde: herrichten.
Jedenfalls sind wir jetzt mitten drin im Umbauwahnsinn.

Es ist schon ein ganz eigenes Gefühl mit den Kindern von den gewohnten 95 Quadratmetern im sonnigen ersten Stock hinunter in den Souterrain-Keller ins Gästezimmer zu ziehen, auf 26 Quadratmeter mit Minibad und ohne Rollos zum Verdunkeln der Fenster. Das letzteres ein Manko ist, haben wir leider gleich vor zweieinhalb Wochen zu spüren bekommen, als Leia und Elias eine Stunde früher als üblich mit der einstrahlenden Sonne wach wurden.
Aber den Standard etwas herunter zu schrauben ist eine wirklich gute Übung zur Selbstdisziplin in einer Welt, wo Konsum und Überfluss den Alltag bestimmen.

Zurück zu unserem Haus: derzeit erinnert alles ein bisschen an "Hinterholz 8", der 1. Stock ein Rohbau, der Parterre angeräumt mit unseren Sachen (zumindest in Küche und Wohnzimmer). Mein Schwiegervater Karl ist der Universal-Vor/Hilfsarbeiter, meine Schwiegermutter Maria fungiert als Reinigungskraft, Mensachefin und Tagesmutter, wenn ich in Baubesprechungen stecke und Andreas ist die letzte Instanz bei Entscheidungen welcher Art auch immer (derzeit wegen Abwesenheit in den USA und der Zeitverschiebung ist er in den "Beobachterstatus" gewechselt). 

Ich wurstle mich dazwischen durch, koordiniere, kommuniziere und betreibe als Nebenjob momentan ein Vermittlungsbüro bei "willhaben.at" für unsere nicht mehr gebrauchte Einrichtung.
Die Leute, die sich auf unsere Annoncen melden sind durchaus gewöhnungsbedürftig. Besonders mit ihren Wünschen und Vorstellungen bezüglich der angebotenen Ware, die ich großteils verschenke, da wir den Stauraum in der Garage für andere Dinge und Baumaterialien brauchen. 
Eine Dame hat sich trotz der angegebenen 3,5 Meter Länge der Werkbank mit einem etwas zu kleinen Lieferwagen vom Lutz und schließlich ihrem Privat-PKW zu uns begeben. Die Werkbank fand dann in Teilen, zersägt mit einer Stichsäge ihren Weg nach Innsbruck-Land. Die alten Heizkörper wurden von einem Herrn aus Zell am See geholt, die Zimmertüren erfreuen sich ihres Daseins im Außerfern und das Klo wird auf einer anderen Baustelle im Oberland eingebaut. Um die neuwertige Duschwand gab es ein Gerangel und sie ist dann im Ort bei einer Familie gelandet (obwohl schon für jemanden reserviert), da Maria sie in gutem Glauben den Leuten beim Lokalaugenschein gleich ausgehändigt hat.

Mich reut es ja prinzipiell Dinge wegzuwerfen die in gutem Zustand sind und noch eine Funktion erfüllen können. Daher versuche ich nun (auch um Entsorgungskosten zu sparen) möglichst viele Dinge zu recyclen (auch das Haus wird nicht neu gebaut, sondern die alte Substanz mit Neuerungen technisch auf den aktuellen Stand gebracht – ok., kein Passivhaus, aber mit zumindest 50% Einsparungen beim Heizwärmebedarf).
Sogar bei der Bekleidung trenne ich die "supertollen Sachen", die ich an Freundinnen verschenke, da ich aus unerfindlichen Gründen nicht mehr rein passe von den "guten Stücken", die bei der Kleidersammlung landen und "dem Müll", der bei H&M zurückgegeben werden kann, wo aus kaputten Socken, Hosen, Unterwäsche dann neue Bekleidung hergestellt wird. Dafür beerbe ich dann manchmal meine Schwägerinnen und bekomme deren "tolle Teile". Meine Kinder tragen zumeist "second hand" Bekleidung und ich kaufe, wenn neu, möglichst nur geschlechtsneutrale Sachen (geht inzwischen bei Leia seltener, aber manchmal trägt sie auch "Bubensachen").

Jaja, dass ich waschbare Windeln verwende und Pampers nur auf Reisen oder im Notfall ist sicher für viele Leute schwer vorstellbar. Popolinis schon(t)en den Popo meiner Kinder und haben mir pro Wickeljahr 300 € gespart. Die habe ich auch gebraucht über Freunde oder eben "willhaben" bezogen.
Ich verkaufe meine alten Bücher und CDs inzwischen bei momox, da ich den Platz anderwertig nutzen möchte, und versuche möglichst die elektronische Version statt Papier zu erstehen und die Musik je nach Laune zu streamen. Und unseren Reisebericht vom Kilimanjaro haben wir auch als Ebook bei Amazon veröffentlicht (war einfacher, ist umweltschonender und man muss es nicht mal kaufen, sondern kann es über "kindle unlimited" sogar gratis lesen). Ansonsten teile ich in unserer Bibliothek lieber Bücher mit anderen und habe alle meine Hörbücher gespendet.

Meine Autos sind bereits in der 3. Generation Gebrauchtwagen.
Der alte Toyota Corola Kombi, den wir von meinen Eltern geerbt haben hat nach 390.000 km seinen Weg in den Süden nach Afrika angetreten. Es war schon ein bisschen marode: "Sie, ich glaub' da rinnt was aus Ihrer Klimaanlage aus." Um es in schönstem Nespresso-Kitsch zu sagen "meine Auto 'at gar keine Klima...".
Mit kaputten Scheibenwischern, zwei Sprüngen in der Frontscheibe, einem lecken Tank (nach 25 Litern tropfte es), nicht funktionierendem Kühler und rostigem Unterboden haben wir immerhin noch 650 € lukriert.
Dafür hätte sein Nachfolger, ein Ford Escord Kombi, nach einem Unfall mit Totalschaden fast die Bude meines Schwagers abgefackelt...

Dass es inzwischen Tafeln gibt, die ansonsten weggeworfenes Essen für Bedürftige verkochen, ist angesichts der Millionen Tonnen Nahrungsmittel, die jährlich alleine in Österreich weggeworfen werden, ein wichtiger Schritt um Ressourcen zu schonen. Auch in den Ökologievorlesungen auf der Uni in Innsbruck wurden sie nicht müde, den Studenten die Stufen der Müllverwertung nahe zu bringen und da war Vermeidung der erste Punkt noch vor Wiederverwenden.
Also besser gar kein Müll, als die Sachen wiederzuverwenden (obwohl reparieren und wiederverwenden noch vor trennen zum Recyclen kommt). Gar kein Müll würde aber heißen, nur noch die Dinge zu besitzen, die man wirklich braucht.
Bei den 25.000 Sachen, die wir im Schnitt so besitzen echt eine schwierige Aufgabe. Vielleicht war da ja doch die Kiste, die sie früher bei den Bauern hatten und wo der ganze Besitz Platz fand, eine Erleichterung.

In unsere neue Wohnung soll dann ja möglichst nur mehr das mit einziehen, was ich wirklich liebe (abgesehen von meinen drei Lieben). Hoffentlich haben da dann die alten Möbel, Erbstücke meiner Großeltern, auch noch Platz. Zumindest die, die bis dahin liebevoll restauriert wurden.

No comments: